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Partizipatives historisches Lernen im Museum

Partizipatives historisches Lernen im Museum

Können Menschen mit Down-Syndrom aus der Geschichte lernen? Bisher glaubte man: Nein, das können sie nicht. Aber stimmt das?

Thea Jacob hat an der Freie Universität Berlin studiert.
Sie ist Historikerin.
Das heißt: Sie hat Geschichte studiert.
Und zwar Public History.
Public History ist Englisch und heißt: Geschichte in der Öffentlichkeit.
Zum Beispiel:

  • als Denkmal
  • in einer Gedenk-Stätte
  • im Museum
  • im Fernsehen

Thea Jacob hat für ihre Master-Arbeit die TOUCHDOWN-Ausstellung untersucht.
Sie hat ihre Arbeit in Fach-Sprache geschrieben.
So wie sie es an der Uni gelernt hat.
Aber sie hat auch alle Teile ihrer Arbeit in klarer Sprache zusammen-gefasst.
Sie schreibt in der Einleitung:

Menschen mit und ohne Down-Syndrom haben zusammen historisch gelernt.
Als sie zusammen an der Ausstellung gearbeitet haben.
Historisches Lernen heißt: Sich mit der Vergangenheit beschäftigen, etwas heraus-bekommen, etwas verstehen und es dann selbst erzählen.
Man kann auch sagen: Sie haben etwas über Geschichte gelernt. 

Diese Forschungs-Fragen hat Thea Jacob sich gestellt:

  • Wie lernen Menschen mit und ohne Down-Syndrom gemeinsam über vergangene Zeiten?
  • Gibt es dazu schon Forschung?
  • Erkennt man in der Ausstellung, wie sie zusammen arbeiten und lernen?
  • Wie sprechen Menschen mit Down-Syndrom über sich in der Ausstellung?
  • Was schreiben die Zeitungen über die Ausstellung?

Als Nächtes beschreibt Thea Jacob, wie sie gearbeitet hat.
Wie hat se Antworten auf ihre Forschungs-Fragen bekommen?
Sie beschreibt es so:

  • Ich habe mir die Ausstellung TOUCHDOWN sehr genau angeschaut.
  • Ich habe das Buch zur Ausstellung gelesen.
  • Ich habe Interviews geführt mit Fach-Menschen.
    Sie hatten alle mit der TOUCHDOWN-Ausstellung zu tun. 
    Ich habe mit ihnen über ihre Arbeit gesprochen.
  • Ich habe das Team bei der Arbeit beobachtet. 
    Ich habe dazu Beobachtungs-Protokolle geschrieben.
    Das heißt: Ich habe aufgeschrieben, was passiert.
  • Ich habe im Internet nach Informationen gesucht.
  • Ich habe Zeitungs-Artikel über die Touchdown-Ausstellung gelesen.
  • Ich habe viele Bücher von anderen Forschern gelesen. 

Mit dem neuen Wissen kann ich besser verstehen, was das Besondere an der Touchdown-Ausstellung ist.

Besonders genau hat sich Thea Jacob die Tandem-Führungen angeguckt.
Bei den Tandem-Führungen haben 2 Personen zusammen durch die TOUCHDOWN-Ausstellung geführt.
Eine Person mit und eine Person ohne Down-Syndrom.
Von diesen Führungen gab es während der 4 Monate in Bonn 80 Stück.
Thea Jacob war bei vielen davon dabei.
Oder eine andere Person war dabei.
Die Person hat dann ein Beobachtungs-Protokoll geschrieben.
Es wurde zum Beispiel notiert:
Wie viele Personen waren bei der Führung dabei?
Oder:
Welche Fragen wurden gestellt?

Besucher und Besucherinnen stehen in der Ausstellung, Thea Jacob steht mit etwas Abstand daneben und macht sich Notizen. Hinter ihr sieht man 4 Bilder eines belgischen Künstlers mit Down-Syndrom.

Bis jetzt glaubte man:
Menschen mit Down-Syndrom können nicht historisch lernen.
Sie können nichts aus der Geschichte lernen.
Aber: Bis jetzt hat noch nie jemand darüber geforscht.
Thea Jacob war sich sicher: Das stimmt nicht.
Sie schreib

Menschen mit Down-Syndrom sind intelligent. 
Sie können lesen, schreiben und rechnen lernen. 
Sie können sich ausdrücken. 

Sie haben eigene Stand-Punkte. 
Sie können diskutieren. 

Sie wissen, dass es eine Zeit vor ihrer Geburt gab. 
Sie wissen, dass sie jetzt leben. 
Sie wissen, dass es eine Zukunft geben wird. 
Auch nach ihrem Tod. 
Sie sind Teil der Geschichte. 
Wie alle Menschen. 
Und sie haben ihre eigene Geschichte. 
Jede Lebens-Geschichte ist unterschiedlich.

Deswegen können sie auch über Geschichte reden. 
Und sie können mehr darüber lernen, was in der Vergangenheit war.

Als Nächstes beschreibt Thea Jacob:
Wie kann man etwas über Geschichte lernen?
Sie schreibt:

So kann man zum Beispiel mehr über die Vergangenheit erfahren: 

  • Man kann sich mit Menschen beschäftigen, die in der Vergangenheit gelebt haben. 
    Man kann fragen: 
    Wie haben sie gewohnt? 
    Was haben sie gearbeitet? 
    Was gab es zu essen? 
    Waren sie verliebt? 
    So bekommt man einen Eindruck von diesen Menschen. 
    Und auch ein Gefühl. 
  • Auch die Lebens-Geschichten in der Vergangenheit sind unterschiedlich.
    Man kann fragen: 
    Was ist heute anders als damals? 
    Wie hat es sich verändert?
  • Man kann zu den Geschichten, die man erforscht, schreiben. 
    Oder malen. 
    Oder basteln. 
    Oder eine Ausstellung machen. 
  • Geschichten und Dinge aus der Vergangenheit können sehr interessant sein. Man braucht Informationen. 
    Nur dann kann man verstehen, welche Bedeutung die Dinge in der Vergangenheit hatten. 
  • Man kann vielleicht in Büchern dazu lesen. 
    Falls schon jemand ein Buch geschrieben hat.
  • Man kann in Archiven forschen. 
    Das heißt: Man kann in einer Sammlung nach Informationen suchen.
  • Man kann Fach-Leute befragen. 

Eine Gruppe von Menschen wird durch die TOUCHDOWN-Ausstellung geführt. Eine Museumsaufsicht steht dabei und beobachtet die Besucher und Besucherinnen. Thea Jacob steht dabei und schreibt mit. Im Vordergrund sind 2 Exponate zu sehen: Eine bestickte Jeansweste und ein Koffer.

Bis jetzt gab es noch fast keine Forschung über das Leben von Menschen mit Down-Syndrom in der Vergangenheit.
Thea Jacob schreibt dazu:

Die Geschichten von Menschen mit Down-Syndrom in der Vergangenheit sind bisher wenig erforscht. 
Es gibt nur wenige Informationen.  

Warum hat sich niemand dafür interessiert? 
Das ist auch eine spannende Frage an die Vergangenheit.

Endlich ist es soweit: 
Menschen mit und ohne Down-Syndrom wollen mehr über die Geschichten von Menschen mit Down-Syndrom in der Vergangenheit heraus finden.

Es gibt eine neue Fach-Richtung. 
Sie heißt ‚Disability History‘. 
Übersetzt heißt das: Forschung über das Leben von Menschen mit Behinderung in der Vergangenheit. 

Bei ihren Beobachtungen hat Thea Jaco erkannt:
Klare Sprache ist wichtig für die Arbeit an der Ausstellung.
Sie schreibt dazu:

Das Ausstellungsteam hat in klarer Sprache miteinander gesprochen.
So konnten Menschen mit Down-Syndrom bei der Arbeit mitmachen. 
Und es haben Assistenzen mitgemacht.
Sie unterstützen Menschen mit Down-Syndrom bei ihrer selbständigen Arbeit.

Thea Jacob schreibt auch über Presse-Berichte über die Ausstellung.
Das heißt: Sie schreibt über Berichte in Zeitungen, im Fernsehen oder im Radio.

Journalisten schreiben positive Artikel über die Touchdown-Ausstellung.
Sie sind beeindruckt.
Manchmal sind sie auch berührt.
Über die TOUCHDOWN-Ausstellung wird am Eröffnungs-Tag sogar in den Tagesthemen im Fernsehen berichtet.
Das ist eine sehr wichtige Nachrichten-Sendung.
Die Ausstellung ist so von Bedeutung, dass dort über sie berichtet wird.

Viele Menschen im Ausstellungs-Team kennen sich schon sehr lange.
Sie haben vorher schon beim Ohrenkuss zusammen-gearbeitet.
Das ist wichtig.
Es macht das Arbeiten an der Ausstellung einfacher.
Thea Jacob schreibt dazu:

Die Team-Mitglieder vertrauen sich gegenseitig.
Sie haben gute Arbeits-Erfahrungen gesammelt.
Sie sprechen auf Augenhöhe miteinander.
Bei der Arbeits-Sitzung sind alle konzentriert.
Man nimmt sich Zeit für die Arbeit, hat Ruhe.
Die Arbeits-Situation ist stress-frei.
Am Anfang stellt sich jeder mit dem Namen vor.
Und sagt, wie es ihm geht.
Alle lassen sich ausreden.
Dann wird besprochen, wozu heute gearbeitet wird. 
Genauso hat es auch das Touchdown-Team für die Ausstellung gemacht.
Zum Beispiel, wenn es über ein Exponat gearbeitet hat.
Oder über eine Lebens-Geschichte.

Bei ihren Beobachtungen konnte Thea Jacob immer wieder beobachten:
Bei der Arbeit an der Ausstellung lernen alle im Team etwas über Geschichte.
Sie hat es an Beispielen beschrieben.
Zum Beispiel: 
Wie hat Julia Bertmann den Raum zum Thema Nationalsozialismus mitgeplant?
Oder:
Wie wurden die Themen der Ausstellung in Workshops erarbeitet?
Oder:
Wie hat Anna-Lisa Plettenberg die Exponate ausgewählt, über die sie in der Ausstellung sprechen wollte?
Und wie hat sie die Informationen erarbeitet, die sie dafür brauchte?

Als Ergebnis ihrer BEobachtungen und ihrer Arbeit fasst sie zusammen:

Menschen mit und ohne Down-Syndrom haben an der Ausstellung TOUCHDOWN partizipativ gearbeitet.
Das zeigen die vielen Beispiele in dieser Forschungs-Arbeit.
Menschen mit Down-Syndrom haben mit entschieden, was und wie es in der Ausstellung gezeigt wird.
Sie haben zu Exponaten und Kunst-Werken Texte verfasst.
Dafür haben sie die Zeit und den Raum bekommen.
Für ihre Alltags-Welt waren Menschen mit Down-Syndrom ‚Expert*innen in eigener Sache‘. 

Menschen mit Down-Syndrom haben sich für die Ausstellung viel Wissen erarbeitet.
So sind sie Experten und Expertinnen geworden.
Thea Jacob schreibt dazu:

Menschen mit Down-Syndrom interessieren sich für viele Themen.
Alle Team-Mitglieder haben sich in neue Themen eingearbeitet.
So haben sie sich zu Experten weitergebildet.

Und Thea Jacob hat erkannt:
Menschen mit Down-Syndrom können auch über schwere Themen sprechen.
Sie sind stark.
Sie schreibt:

Menschen mit Down-Syndrom tragen auch schwierige Themen mit.
Sie haben die Stärke, sich in Themen zu vertiefen.
Auch wenn sie schwer sind.
Weil sie gelernt haben, gut auf sich achtzugeben.

An einem Punkt zeigt die Forschungs-Arbeit von Thea Jacob: 
Es gibt noch viel zu tun:

Die Menschen im Ausstellungs-Team haben sich mit der Vergangenheit beschäftigt.
Sie haben herausgefunden:
Es gibt viele Lücken in der Forschung.
Man weiß nicht viel über Menschen mit Down-Syndrom in der Vergangenheit.

Thea Jacobs Arbeit hat bestätigt:
Menschen mit Down-Syndrom können historisch lernen.
Dafür gibt es viele Beispiele.

In Vorbereitung auf die Ausstellung und in der Ausstellung TOUCHDOWN haben Menschen mit und ohne Down-Syndrom partizipativ historisch gelernt. 
Das kann ich mit meiner Forschung zeigen.

Aus der Foschungs-Arbeit von Thea Jacob ergeben sich noch mehr Forschungs-Fragen für die Zukunft.
Andere Menschen können daran weiter-forschen:

Man kann auch fragen:

  • Gibt es ähnliche Projekte wie TOUCHDOWN an anderen Orten auf der Welt? 
    Lernen sie partizipativ historisch?
    Was machen sie anders?
    Was könnte man voneinander lernen?
  • Man kann außerdem mehr zu Menschen mit Down-Syndrom in der Vergangenheit forschen.
    Oder zu Lebens-Geschichten von Menschen mit Down-Syndrom während der Nazi-Zeit.
    Dazu gibt es noch viel Material.
  • Menschen mit Down-Syndrom haben in der TOUCHDOWN-Ausstellung gezeigt, dass sie als Vermittler von Geschichte und Kunst arbeiten können.
    Warum werden nicht auch in anderen Ausstellungen oder Museen Tandem-Führungen angeboten?

Spannende Fragen!
Wir hoffen: Vielleicht gibt es in Zukunft noch mehr Forschung dazu.

3 Männer mit Down-Syndrom stehen vor einer Wand mit Fotos von John Lagndon-Down und seiner Familie. Foto: Sandra Stein, www.sandra-stein.de

 

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