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Daniel Rauers, Paul Spitzeck und Björn Langenfeld in der TOUCHDOWN-Ausstellung, Foto: Sandra Stein www.sandra-stein.de
25.01.2017

TOUCHDOWN 21 schreibt an Michael Pilz

Michael Pilz hat einen Artikel in der Zeitung WELT geschrieben. Viele Menschen haben uns gefragt: Was denkt Ihr über den Artikel? Hier kommt unsere Antwort.

Sehr geehrter Michael Pilz,

mit großem Interesse haben wir Ihren Artikel „Was hält die Neue Rechte eigentlich von Inklusion“ gelesen. Der Artikel wird im Netz gerade heiß diskutiert. Wir wurden gefragt: „Was sagt Ihr dazu?“ Hier kommt unsere Antwort auf diese Frage:
Wir finden viele Fragen, die Sie in Ihrem Artikel aufwerfen spannend und sie beschäftigen uns schon seit Jahren. Einige der dargestellten Positionen können wir nachvollziehen, manche teilen wir – andere vehement nicht.

Nicht anschließen können wir uns der Position, in der Sie Dr. John Langdon-Down sehen. Er sah die Menschen mit Down-Syndrom, über die er als Erster schrieb, nicht als „kleine Freaks, die man auf Jahrmärkten begaffen konnte“. Nicht er entwarf die „Theorie der Ethnien des Schwachsinns“. Er nahm Bezug auf die Rassentheorien nach Johann Friedrich Blumenbach und bediente sich der Wissenschaftssprache seiner Zeit. Er selbst sprach von Menschen mit Down-Syndrom als Mitglieder der „großen mongolischen Familie“. Er verwendete nie die defizitorientierten Begriffe „mongoloid“ oder „Mongolismus“. Diese wurden erst später in anderen Publikationen verwendet.

Sein Förderkonzept für Menschen mit Down-Syndrom war seiner Zeit weit voraus und seine respektvolle Haltung gegenüber den Bewohnerinnen und Bewohnern seiner Einrichtungen kann man zahlreichen Schriften und Fotos entnehmen.
Auch benannte er das Down-Syndrom nicht nach sich selbst. Das passierte erst lange nach seinem Tod 1896. Einen ersten Impuls zu dieser Namensgebung gab ein Brief von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, der 1961 in der Zeitschrift „The Lancet“ erschien. Eine Durchsetzung des Begriffes dauerte dann noch einmal mehrere Jahrzehnte.

Ebenfalls nicht anschließen können wir uns der von Ihnen geschilderten Position zur Sprache, die in der TOUCHDOWN-Ausstellung und im Buch verwendet werden. Es handelt sich um klare Sprache, nicht um Leichte Sprache. Die Abgrenzung finden Sie hier.

Und egal, ob klar oder leicht: „Kümmerlich“ können wir daran nichts finden. Und auch vor „alarmierender Barrierefreiheit“ fürchten wir uns nicht. Unser Ziel war, dass möglichst viele Besucherinnen und Besucher der Ausstellung die Inhalte verstehen können – egal, ob es sich um Texte zur Genetik oder um historische Inhalte handelt. Wenn wir dafür auf Kosten der Verständlichkeit auf lange Nebensätze verzichten müssen, ist das ein Preis, den wir gerne bereit sind zu zahlen.

Nicht nachvollziehen können wir Ihre Schlussfolgerung zum Thema „Gehen oder bleiben“. Warum entlässt Ihrer Meinung nach eine Umsetzung der UN Behindertenrechtskonvention die Gesellschaft aus ihrer Pflicht zur sozialen Fürsorge und ökonomischen Verantwortung gegenüber Menschen mit Behinderung? Wenn eine gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe Aller das Ziel am Ende der Fahnenstange ist, ist unserer Einschätzung nach das Gegenteil der Fall: Eine Verantwortung der Gesellschaft in sozialer und ökonomischer Hinsicht gegenüber all ihren Mitgliedern, egal welche individuellen Voraussetzungen der oder die Einzelne mitbringen.

Gerne würden wir über die Fragen und Positionen des Artikels mit Ihnen reden. Wir können uns treffen oder miteinander skypen. Sie erreichen uns unter braganca@touchdown21.info.

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